Warum langweilige Websites oft besser performen als auffällige

  • Design-Philosophie

Der Denkfehler: Anders aussehen müssen, um aufzufallen

Seit KI-Tools halbe Websites in Minuten bauen können, hört man überall den gleichen Ratschlag: Deine Website muss sich abheben. Auffällig sein. Anders aussehen als alle anderen im Markt. Parallax-Effekte, Cursor-Animationen, Layouts, die mit jedem Scroll die Richtung wechseln.

Für die meisten Websites stimmt dieser Ratschlag nicht. Und der Grund dafür lässt sich ziemlich gut erklären, sogar an einem Auto.

Eine bekannte Studie von Google (Tuch et al., 2012) hat beispielsweise gezeigt, dass Nutzer innerhalb von nur 50 Millisekunden ein ästhetisches Urteil über eine Website fällen. Das Ergebnis: Websites, die eine geringe visuelle Komplexität und eine extrem hohe “Prototypikalität” (sie sehen aus, wie man es von der Branche erwartet) aufweisen, werden als am ansprechendsten wahrgenommen.

Warum ein Auto aussieht wie ein Auto

Ein Auto hat vier Räder. Zwei bis vier Türen. Scheinwerfer vorne, einen Kofferraum hinten, Fenster, ein Dach oder eben nicht. Der Lack ist unterschiedlich, die Form variiert im Detail, aber im Kern sieht jedes Auto aus wie ein Auto.

Das hat einen Grund. Menschen brauchen Wiedererkennung. Wenn wir etwas sehen, das aussieht wie ein Auto, wissen wir sofort, was es kann und wie wir es benutzen. Wir müssen nicht erst herausfinden, wo man einsteigt oder wie man losfährt. Die Form selbst ist schon die Information.

Das ist keine Einschränkung. Das ist Vertrauen, das bereits eingebaut ist, bevor überhaupt ein Wort gesprochen wurde.

Stell dir vor, ein Autohersteller würde diese Grundform ignorieren, nur um aufzufallen. Kein Lenkrad an der gewohnten Stelle, Türen die sich nach oben statt zur Seite öffnen, Scheinwerfer, die aussehen wie irgendetwas anderes als Scheinwerfer. Manche würden das interessant finden. Die meisten würden zögern, bevor sie einsteigen. Genau dieses Zögern ist das, was auf Websites als Absprung endet.

Was das mit Onlineshops zu tun hat

Websites funktionieren nach dem gleichen Prinzip. Amazon, Otto, ein Shopify-Shop von irgendeiner kleinen Marke: Von der Struktur her sehen sich diese Seiten erstaunlich ähnlich. Andere Farben, andere Bilder, eine andere Schrift, vielleicht ein bisschen Spielerei hier und da. Aber im Kern erkennt jeder sofort: Das ist ein Onlineshop.

Wir wissen, wenn wir ein Produkt anklicken, sehen wir eine Produktseite. Wir wissen, wir können es in den Warenkorb legen. Wir wissen, wie der Checkout funktioniert. Diese Erwartung wird erfüllt, bevor wir überhaupt bewusst darüber nachdenken.

Genau dieser Erwartungspunkt ist der eigentliche Wert. Nicht das Design an sich, sondern das, was das Design uns sagt, ohne dass wir es lesen müssen.

Website-Element Die “langweilige” Erwartung Die “kreative” Abweichung (Risiko)
Logo Oben links, klickbar (führt zur Startseite) Mittig versteckt, nicht klickbar
Warenkorb Oben rechts als Icon (mit Anzahl) Als reiner Text-Link im Footer
Navigation Klar lesbar im Header oder als Burger-Menü Versteckt hinter abstrakten Symbolen
Call-to-Action Kontrastreicher, klickbarer Button Versteckt im Fließtext ohne Umrandung

Wenn eine Website die Erwartung bricht

Jetzt stell dir das Gegenteil vor. Ein Onlineshop, der komplett anders aussieht und sich auch komplett anders verhält als alles, was du kennst. Im ersten Moment weißt du nicht, was du tun sollst. Ist das überhaupt ein Shop? Wo ist der Warenkorb? Kann ich diesem Anbieter mein Geld geben, ohne das Produkt vorher in der Hand gehabt zu haben?

Das ist keine kleine Unsicherheit. Das ist ein grundlegendes psychologisches Problem. Vertrauen entsteht, wenn etwas berechenbar ist. Eine Website, die sich anders verhält als erwartet, macht genau das kaputt, egal wie kreativ das Design ist.

Laut Erhebungen verlassen knapp 49 % der Nutzer eine Website sofort wieder, wenn die Navigation unübersichtlich ist. Und 88 % kehren nach einer negativen Nutzererfahrung gar nicht erst zurück. Das deckt sich mit einem der wichtigsten UX-Grundsätze, geprägt von Steve Krug in seinem Buch “Don’t Make Me Think”:

“As a rule, conventions only become conventions if they work.” (In der Regel werden Konventionen nur deshalb zu Konventionen, weil sie funktionieren.)

Die meisten Besucher formulieren das nie bewusst. Sie klicken einfach zurück und suchen weiter. Aus Sicht der Statistik sieht das wie eine hohe Absprungrate aus. Aus Sicht des Besuchers war es einfach eine Website, die sich nicht wie eine Website verhalten hat.

Was Besucher von deiner Website eigentlich wissen wollen

Nimm eine Dienstleisterin, die eine neue Website braucht. Ihre potenziellen Kunden wollen wissen, was sie anbietet, ob sie vertrauenswürdig wirkt, ob es bereits Referenzen oder Projekte gibt, die man sich ansehen kann. Sie wollen wissen, wie man sie erreicht, per Formular, E-Mail oder Telefon, ob man direkt einen Termin buchen kann, was der Service kostet und wie lange es dauert, bis man ein Ergebnis hat.

Das sind die Fragen, die im Kopf jedes Besuchers ablaufen, ob bewusst oder nicht.

Die unausgesprochene Frage Wo der Besucher die Antwort sucht
Was genau machst du? Ganz oben im Hero-Bereich (große Überschrift)
Kann ich dir vertrauen? Direkt darunter (Logos, Google-Sterne, Rezensionen)
Wie kann ich dich erreichen? Kontakt-Button oben rechts & komplett im Footer
Was kostet das / Wie läuft das ab? Eigener, klar benannter Menüpunkt (“Preise” / “Ablauf”)

Wenn eine Website so gebaut ist, dass diese Antworten schwer zu finden sind, weil das Design ungewohnt ist oder die Struktur einem eigenen, kreativen Konzept folgt, entsteht beim Besucher ein Gefühl von Unsicherheit. Nicht weil das Angebot nicht passt, sondern weil die Website die eigentliche Frage nie klar beantwortet.

Und das Tragische daran: Der Besucher ist am Ende vielleicht genau der richtige Kunde für dieses Angebot. Er merkt es nur nie, weil die Website ihn nicht dorthin geführt hat.

Das gilt auch für kleinere Details, die man leicht übersieht. Testimonials werden meist in der Nähe des Angebots erwartet, nicht irgendwo isoliert am Seitenende. Eine Telefonnummer oder ein Kontaktformular wird oben oder am Ende der Seite gesucht, selten mitten in einem langen Textabschnitt versteckt. Ein Klick auf das Logo führt zur Startseite zurück, das ist inzwischen so tief verankert, dass jede Abweichung davon als Fehler wahrgenommen wird, selbst wenn sie technisch korrekt funktioniert. Kleine Muster wie diese fallen niemandem positiv auf, wenn sie stimmen. Sie fallen nur auf, wenn sie fehlen.

Wenn Auffälligkeit trotzdem funktioniert

Es gibt Ausnahmen. Eine Modemarke, ein Kunstprojekt, ein Portfolio, das selbst als Beweis für kreative Fähigkeit dient. Hier ist Auffälligkeit oft Teil der Botschaft, nicht ein Hindernis für sie. Wer als Grafikdesigner eine ungewöhnliche Website baut, zeigt damit direkt, was er kann.

Der Unterschied zu den meisten anderen Websites: Bei einer Modemarke oder einem Portfolio ist die Erwartung des Besuchers selbst schon, etwas Ungewöhnliches zu sehen. Bei einer Handwerkerin, einer Beraterin oder einem Dienstleister ist die Erwartung genau umgekehrt: schnell verstehen, was angeboten wird, und schnell wissen, wie man Kontakt aufnimmt. Auffälligkeit ist also keine grundsätzlich schlechte Idee, sie muss nur zur eigentlichen Erwartung passen, die jemand mitbringt, wenn er auf der Seite landet.

Langweilig heißt nicht schlecht gemacht

Eine Website muss also nicht langweilig aussehen im Sinne von uninspiriert. Aber sie sollte sich verhalten wie das, was Besucher von einer Website in ihrer Situation erwarten. Navigation dort, wo man sie sucht. Kontaktmöglichkeiten klar sichtbar. Preise, Leistungen und Abläufe dort platziert, wo man sie vermutet.

Das ist der Unterschied zwischen einer Website, die auffällt, weil sie gut gemacht ist, und einer Website, die auffällt, weil sie verwirrt. Beides erzeugt Aufmerksamkeit. Nur eine davon erzeugt auch Vertrauen.

Wo Kreativität trotzdem hingehört

Das heißt nicht, dass jede Website gleich aussehen soll. Es gibt einen Unterschied zwischen der Struktur einer Website und ihrem Charakter.

Die Struktur ist das, was Besucher erwarten und wiedererkennen müssen. Wo die Navigation sitzt, wie ein Kontaktformular funktioniert, wo man Preise oder Leistungen findet, wie ein Warenkorb sich verhält. Hier lohnt sich Kreativität selten, weil sie genau die Orientierung zerstört, die eigentlich Vertrauen schaffen soll.

Strukturierte Kreativität: ivangs.de (Screenshot: Die Website von Ivangs Bedachungen nutzt eine bekannte, extrem klare Struktur – füllt sie aber mit maximal kreativem Charakter in Form von Schriften, Farben und Interaktionen.)

Der Charakter ist etwas anderes. Farben, Typografie, Fotografie, die Tonalität der Texte, kleine Details in der Gestaltung. Hier darf und sollte eine Website individuell sein, weil genau das den Unterschied zwischen austauschbar und einprägsam ausmacht. Zwei Websites können exakt die gleiche Struktur haben und trotzdem völlig unterschiedlich wirken, allein durch diese Ebene.

Der Fehler, den viele machen, ist beide Ebenen zu vermischen. Sie versuchen, sich über die Struktur zu differenzieren, statt über den Charakter. Das Ergebnis sieht zwar ungewöhnlich aus, funktioniert für den Besucher aber schlechter.

Custom heißt nicht: sieht aus wie kein anderes

Bei den Websites, die ich baue, ist jede Zeile Code individuell für das jeweilige Projekt geschrieben. Kein Template, kein Baukasten. Aber das bedeutet nicht, dass sich die Seite auch anders verhalten soll als das, was Besucher kennen und erwarten.

Individualität zeigt sich woanders. In der Qualität der Umsetzung, in der Passung zum eigentlichen Angebot, in Details, die man bewusst wahrnimmt, ohne dass sie die Grundstruktur infrage stellen. Eine Website darf ruhig aussehen wie eine gute Website. Genau das ist oft der Punkt, der sie besser performen lässt als die auffällige Variante.

Lasse

Lasse

Gründer · Norddorf

Webseiten von Hand. Festpreis, live in einer Woche.

Bereit für deine eigene Seite? Ab 500 € geht's los.

Kein Verkaufsgespräch, kein Rückruf-Termin. Drei Minuten Formular, in ca. 24 Stunden dein schriftlicher Festpreis.

Festpreis-Angebot anfordern
WhatsApp